Loch an Loch
Mit: Veronika Brovall, Ralf Hoedt, Nico Ihlein, Florian Japp, Jennifer Jorden, Hans-Peter Stark, Tommy Støckel
Idee: Yasmin Alt, Ulrika Segerberg, Hildegard Skowasch, Gloria Zein
Eröffnung: 17. Juli 2026, 18-21 Uhr
Ausstellung: 17. Juli - 20. August 2026
Wo: Axel Obiger, Brunnenstraße 29, 10119 Berlin
Das skulpturale Loch ist ein vielschichtiges Motiv in der Kunstgeschichte.
Es fungiert sowohl als physische Öffnung (Perforation,
Schnitt) wie auch als konzeptionelle Leere oder Leerstelle, die
Abwesenheiten und das Unsichtbare in den Fokus rückt.
Das performative Lochen begann wahrscheinlich vor rund einhundert
Jahren, als Francis Picabia ein Loch in ein Pamphlet stanzte.
In den sechziger Jahren etablierten sich ortsspezifische Interventionen
in Bauwerken (Beuys, Gordon Matta-Clark) und 1977 ließ
Walter de Maria zur Dokumenta 6 in Kassel einen „Erdkilometer”
bohren - eine Tausendmeter-Sonde aus massiven Messingstäben.
Zuvor hatte der italienische Künstler Lucio Fontana mit seinen
durchstochenen Leinwänden und geschnittenen Flächen die Malerei
in den dreidimensionalen Raum erweitert. Er verstand das
Loch nicht als Leere, sondern als Beginn einer Skulptur im Raum
und Überschreitung der Bildfläche. Parallel dazu etablierte Barbara
Hepworth mit ihren Piercings Skulpturen, die den Blick des Betrachters
durch eine meist runde Öffnung durch die Form hindurch
auf die dahinterliegende Landschaft oder Umgebung lenkten und
so eine Interaktion zwischen Kunstwerk und Raum schufen. Demgegenüber
nutzte Eva Hesse Perforation und Leere als zentrale
formale und psychologische Prinzipien, um starre Strukturen zu
durchbrechen und innere Komplexität sichtbar zu machen.
Derlei skulpturale Erforschungen greift (wenn auch deutlich leichtfü.iger)
die von SKULPTURVEREIN konzipierte Ausstellung „Loch
an Loch” bei Axel Obiger auf, die während der diesjährigen Urlaubssaison
(dem sogenannten ‚Sommerloch’) sieben sehr unterschiedliche
künstlerische Arbeiten zum Thema „Loch” in einer
Schaufenster-Ausstellung versammelt:
Während Hans-Peter Starks Werk an die Gedankenwelten von
Beuys anknüpft und das Loch aus sozialpolitischer Perspektive
thematisiert, erinnert das installative Ensemble von Florian Japp
an das Loch als interaktives, womöglich sportliches Element.
Veronika Brovalls Skulptur lässt an die Öffnung als rituelles
Zeichen der Verbindung zweier Welten denken. Demgegenüber
lässt Jennifer Jordan mit den weich gebetteten Röhren ihrer
hängenden Skulptur Leerstellen zu plastischen Räumen werden.
Ralf Hoedt hat das Loch als ortsspezifisches Element entdeckt,
Natur erscheint hier als Skulptur, die sich selbst im Durchblick
inszeniert. In Nico Ihleins humorvollen Vasen wird die technisch
notwendige Öffnung zum Schlund, und die barocke Skulptur darunter
zu einem bewegten Wesen. Die Arrangements von Tommy
Støckel schließlich spielen mit der konkreten Ausstellungssituation,
die zwischen einem kommerziellen Display (vielleicht technischer?)
Produkte und künstlerischer Intervention changiert.
Denn tatsächlich ist das Schaufenster selbst ein großes Loch in
der Gebäudefassade, durch das wir in den Galerieraum von Axel
Obiger blicken. Durch den gestaffelten Ausstellungsaufbau wird
die Vitrine zum dreidimensionalen Bühnenraum, der durch seine
öffentliche Zugänglichkeit und Interaktion mit der urbanen Umgebung
eine besondere Wirkung entfaltet. Indem „Loch an Loch”
konsequent auf diese einansichtige Schaufensterperspektive ausgelegt
ist, verwischt die Ausstellung die Grenzen zwischen Innenund
Außenraum, sowie zwischen Kunst und Kommerz. Das Loch
wird hier ein Strukturelement, das Materie und Immaterielles, das
Davor und Dahinter sowie funktionale Ordnung und künstlerische
Subversion verbindet.
Ob als physische Öffnung, metaphorische Lücke oder strategische
Unterbrechung – die gezeigten Arbeiten fragen danach, wie Löcher als
Mangel, Chance oder gestalterisches Prinzip unser Sehen und Denken prägen.
Die Ausstellung ist vom 17.07. bis 19.08. permanent im Schaufenster
der Galerie zu sehen.